Sans titre, 2006

Vor den großformatigen quadratischen Arbeiten Ohne Titel (2006) von Laurent Pariente stellt sich zunächst die Frage nach ihrer Gattung. Dünne Metallplatten aus Aluminium, Kupfer oder Messing, mit einer dünnen farbigen Lackschicht bestrichen, wurden mit einem sonst für den Kupferstich verwendeten Grabstichel behandelt und mit einem dichten Gewirr feiner, der Handbewegung rund folgender Linien in gleichmäßigem All-Over bedeckt. Vordergründig vereinen diese Arbeiten Eigenschaften von Malerei und Grafik. Gleichzeitig provozieren ihre Ober- flächenstruktur und die ihnen eigene Art, das Licht in den eingegrabenen Linien zu reflektieren, einen geradezu haptischen Blick des Betrachters aus der Bewegung heraus, wie bei der abtastenden Betrachtung einer Skulptur. Und folgt man dem Künstler, so waren es die gravierten Platten, die ihm einen „Lichtraum” eröffneten und ihm eine erste Beziehung „zur Wand” vermittelten. Die Wand, so Pariente, „ist auch die Öffnung zu einem neuen Raum.” 

Sans titre, 2006

Laurent Pariente
Sans titre, 2006
Pointe sèche sur aluminium et cuivre, vernis
226 x 226 cm et 184 x 184 cm
Collection Mudam Luxembourg
Donation 2013 – L’artiste
Vue de l’exposition Solides Fragiles, Mudam Luxembourg
04.10.2014 – 08.02.2015
© Photo : Rémi Villaggi

So stehen die farbigen Gravuren Laurent Parientes in direkter Verwandtschaft zu seinen labyrinthhaften Rauminstallationen, wie beispielsweise zu der im Jahre 2008 den Grand Hall des Mudam vollständig ausfüllenden Arbeit, durch die sich der Betrachter seinen Weg suchen musste und in der er sich dann in die unterschiedlichsten farbigen Volumina getaucht sah. Hier wie dort, in den flachen Farbräumen der Metallgravuren wie in seinen durch regelmäßige Rhythmen gekennzeichneten, farbigen oder weißen Raumarchitekturen, bilden Parientes Werke eine Umgebung ohne Anfang und Ende. Das sich so ergebende und auch eingeforderte Umherschweifen des Blickes, dem nirgends Gelegenheit zum Verweilen geboten wird, führt so zu seiner Destabilisierung und zum Hinterfragen der räumlichen wie auch der bildlichen Wahrnehmung. 

Sans titre, Mudam, Luxembourg

Laurent Parientes (1962) Installation im Grand Hall des Mudam ist eine konsequente Weiterentwicklung seiner bisherigen Arbeit. Erstmalig nutzt er die Farbe als wesentliches Element für ein raumgreifendes Werk. Hatte er bislang mit großformatigen Stichen auf eingefärbten Kupferplatten das Licht farbig eingefangen und in seinen komplexen Rauminstallationen stets mit kreideweißen Wänden und Durchgängen zu einer Neuinterpretation des Ortes beigetragen, so verbindet er in der lichtdurchfluteten Halle Ieoh Ming Peis den labyrinthischen Charakter seiner Konstruktionen mit einer intensiven Farbwahrnehmung.

Etwa 150 vier Meter hohe, aber in Breite und Farbe unterschiedliche Holzrahmen wurden in einer unendlich mäandernden Form so aneinander gefügt, dass sie ein unregelmäßiges Raster von Raumvolumen ergeben, welche angesichts der Transparenz ihrer mit Folie bespannten Wände vor allem als Farbvolumen wahrgenommen werden. Die Installation verweigert sich einer unmittelbaren visuellen Aneignung, indem sie sich nicht als ein Ganzes wahrnehmen lässt, selbst vom Balkon aus nicht. Der sie durchschreitende und sie Stück für Stück erobernde Betrachter sieht sich; neuen visuellen Eindrücken ausgesetzt, die seine Wahrnehmung von Raum und Farbe herausfordern. In dem auf handwerkliche Weise hergestellten Werk thematisieren sich gleichzeitig mehrere künstlerische Fragestellungen: Malerei, Farbe, Licht, aber auch Raum und Architektur werden behandelt – Themen, die den Betrachter auf einem von ihm selbst zu gestaltenden Entdeckungsparcours zu einer reflektierteren Wahrnehmung führen.

Laurent Pariente
Sans titre, Mudam, Luxembourg, 2008

Holz, Leinwand PVC, farbige Lacke, 
Bodenfläche : 200m2, hauteur 4m

Auftrag und Sammlung Mudam Luxembourg

Ankauf 2007
© Fotos: André Morin

LAURENT PARIENTE
03/07 2008 – 15/09/2008