Von unserem inneren Leben, von unseren Träumen und Alpträumen
„Wie froh bin ich, dass ich keine Epsilon bin!” sagte Lenina voll Überzeugung. „Wärst du aber eine Epsilon”, entgegnete Henry, „dann wärst du dank deiner Normung ebenso froh, keine Beta oder Alpha zu sein.” (1)
„Neulich kam mir plötzlich in den Sinn, dass man immer erwachsen sein könnte.” (2)

Collection Mudam Luxembourg, © Photo : Andrés Lejona
Bis wohin können wir vordringen im Blick auf unser Innerstes und den Gespenstern, die uns oft gegen unseren Willen beherrschen, eine Gestalt geben? Die Kunst stößt immer wieder Türen auf, die in die finsteren Labyrinthe unseres Unterbewusstseins führen und uns mit dem Unbekannten konfrontieren. Es spielt dabei keine Rolle, ob es der Künstler oder der Betrachter ist, der diesen Weg zurücklegt: das Wesentliche liegt im Abenteuer des Schauens und was es bei dem auslöst, der sich in ihm verliert.
Doch benötigt jede Tür einen Schlüssel und die Schlüssel liegen verstreut in den Weiten der künstlerischen Ideen. Dabei ist die Geschichte der Kunst eine der Hauptquellen für die Formfindung; sie ist für zahlreiche Künstler die Basis ihrer Entwicklung, und sei diese noch so merkwürdig, komplex oder unvorhersehbar (Tony Cragg, Richard Deacon). Doch auch die Undurchdringlichkeit der Gefühle stellt ein unerschöpfliches Feld für die Forschung dar, ob es sich um menschliche Beziehungen am Rande des Wahnsinns handelt (Eija–Liisa Ahtila), um die Macht der Kindheitserinnerungen (Claude Lévêque) oder um die Verwirrungen der Sexualität im Konflikt mit herrschenden Rollenvorbildern (Jesper Just).
Und es gibt noch viele weitere, von unsichtbaren Mauern eingegrenzte Gebiete, die die Neugier der Künstler anstacheln und in denen sie Material für ihre Werke finden: beispielsweise das selbst in den sogenannten Demokratien herrschende Gefühl der Machtlosigkeit angesichts der obszönen Ungerechtigkeiten der Reichen gegenüber den Armen oder der Weißen gegenüber den Schwarzen (Kara Walker, Steve McQueen); oder die Todesangst, die häufig durch die andauernde Suche nach Vergnügung und Luxus verdrängt und durch kinohafte Illusionen in Szene gesetzt wird (Izima Kaoru); oder die endlose Suche nach der absoluten Schönheit, nach dem letzten Sinn, nach dem endgültigen Wort (Maurizio Nannucci).
Die Kunst kann mitunter Dinge verdeutlichen, die auch der Einzelne nicht mitdenkt.
(1) & (2) Aldous Huxley, Brave New World, 1932