Von unseren Kunstwelten
Nur mittels der Wissenschaften vom Leben kann die Beschaffenheit des Lebens von Grund auf verändert werden. Die Naturwissenschaften lassen sich zwar so anwenden, dass sie Leben vernichten oder das Leben bis zur Unmöglichkeit kompliziert und unbehaglich machen. (1)

Collection Mudam Luxembourg, © Photo : Andrés Lejona
Die Welt, die uns umgibt, und die größtenteils das Resultat menschlicher Aktivitäten ist, ist die Umgebung, in der wir uns entwickeln. Sie ist es, die im Gegenzug unser Verhalten und unser Denken zu großen Teilen bestimmt. Wäre sie eine andere, wir würden anders handeln und anders denken, vielleicht wie die zweidimensionalen Wesen in Flatland, dem berühmten, 1884 erschienenen Buch von Edwin Abbott, in dem die Welt und ihre Götter einer auf Länge und Breite beschränkten Wahrnehmung entstammen.
Die Kunst gibt indes nicht nur vielfältige Kommentare zur Natur in unserer Umgebung ab, zur fabrizierten Wirklichkeit und unseren Fantasien hierzu. Sie reichert sie mit einer zusätzlichen Dimension an, sie gibt ihnen eine konkrete, greifbare und ästhetische Form. In der Kunst bildet sich die Künstlichkeit der Welt ab. Wenn Kimsooja Tücher, die in ihrer Heimat den Menschen oft lebenslange Begleiter sind und die für manche geradezu emblematisch für Immigration und Nomadentum stehen, aufspannt und sie endlos spiegelt, dann ermöglicht sie es dem Betrachter, in großer Unmittelbarkeit weit entfernte Wirklichkeiten zu erfahren und an ihnen teilzunehmen, und sei dies gegen seinen eigenen Willen – unschuldig sind nur die Unwissenden und die Einfachen im Geiste. Oder wenn Tina Gillen eine Reihe stilisierter Häuser malt, verweist sie nicht nur auf die mittlerweile weltweite Verbreitung standardisierter Wohnformen, sie macht diesen Begriff geradezu greifbar, unmittelbar erfahrbar, als wäre die Malerei ein besserer Beweis als eine Reportage.
Doch gibt es auch Darstellungen städtischer Dschungel und ihrer Mythen, wie bei Damien Deroubaix, es gibt die Präzision räumlicher Aufteilung in einem Postverteilungszentrum bei Andreas Gursky, es gibt die nächtlichen Träumereien auf einem Volksfest bei Bruno Baltzer oder die krude Gegenüberstellung von Lügen, die zur Verbreitung verbrecherischer Ideologien (Arbeit macht frei) und kindischer Zerstreuung (Walt Disney) dienten, wie bei Claude Lévêque.
Die Kunst kann mitunter Dinge verdeutlichen, die in einer Gesellschaft nicht mitgedacht werden.
(1) Aldous Huxley, Brave New World, Vorwort der in 1946 erschienenen Ausgabe