Conrad Shawcross

„Ich bin fasziniert von Themen, die mit der Gewissheit und mit wissenschaftlichen Vorstellungswelten zu tun haben, und die, wie zum Beispiel die Stringtheorie, die Gestalt des Universums oder die Formen der Bewegung befragen. Für mich ist die Wissenschaft ein absolut rationales und empirisches Gebäude, das auf sich selbst fußt. Es wächst und steht dabei auf unsicherem Grund, wie diese Hochhäuser und Gebäude, die man auf Pfeilern errichtet hat.” (Conrad Shawcross)

Conrad Shawcross : The Nervous Systems (Inverted), 2011, Courtesy de l’artiste et galerie Victoria Miro, Londres, Commande et Production Mudam Luxembourg avec la collaboration de la galerie Victoria Miro, Londres © Photo : Rémi Villaggi

Im Mittelpunkt des Interesses von Conrad Shawcross stehen naturwissenschaftliche und philosophische Fragen aus den Bereichen der Mathematik und der Erkenntnistheorie. In seiner künstlerischen Arbeit begegnen sich diese Disziplinen und erzeugen Bilder, die, ähnlich den experimentellen mathematischen Modellvorrichtungen aus einem Museum, komplizierte Zusammenhänge oder theoretische Grundlagen sichtbar und erfahrbar machen, ohne sie freilich konkret zu benennen. Die häufige Verwendung von Holz und ihre schiere Größe verleiht den kinetischen Skulpturen von Conrad Shawcross dabei auch eine gleichzeitig anachronistische Wirkung: wie gewaltige Maschinen aus der Frühzeit der Industrialisierung ruckeln und zuckeln sie, drehen sich im Kreis und produzieren Dinge, deren unmittelbarer Gebrauchswert so wenig greifbar scheint wie derjenige der naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung.

The Nervous Systems, eine eigens für den Grand Hall des Mudam konzipierte Installation, steht in einer Reihe ähnlicher Apparaturen, mit denen der begeisterte Segler Shawcross seit 2003 Seile produziert, die jedoch anschließend meist auch wieder in ihre Einzelfäden aufgelöst werden. Die imposante turmartige Erscheinung dieser metaphorischen Maschine hat sowohl etwas von den großtechnologischen Anlagen moderner Kernphysik an sich, wie sie auch an die Spinning Jennys, die ersten automatischen Spinnmaschinen des industriellen Zeitalters, erinnert. Ihre hexagonale Konstruktion, die Doppelhelix der Wendeltreppe und die sich strahlenförmig in einem Punkt bündelnden Fäden erzeugen visuelle Assoziationen zu den jüngsten Erkenntnissen und Theorien der Wissenschaft, von der Analyse des Erbgutes bis hin zur Stringtheorie aus der hypothetischen Physik. Deutlich artikuliert sich in der Langsamkeit ihrer Bewegungen auch die Zeit: als Kreisen der zyklischen Wiederholung der 162 Schnurrollen und als linearer Zeitstrahl des entstehenden Seils ist sie in ihren beiden möglichen Grundformen präsent.

Shawcross’ The Nervous Systems stellt so eine künstlerische Stellungnahme zu Themen am Randgebiet von Physik und Metaphysik dar. Seine mysteriöse Maschine bleibt rätselhaft, paradox und faszinierend.

Conrad Shawcross : The Nervous Systems (Inverted), 2011, Courtesy de l’artiste et galerie Victoria Miro, Londres, Commande et Production Mudam Luxembourg avec la collaboration de la galerie Victoria Miro, Londres © Photos : Andres Lejona

Kuratoren
Marie-Noëlle Farcy
Clément Minighetti

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